Weihnachten 2010 Obdachlos in der kalten Jahreszeit

Parkbank im Winter

Weihnachten steht vor der Tür, mit all den exzessiven Konsumauswüchsen. Der Kaufrausch hält Einzug, die Kassen klingeln. Andere Geldbörsen hingegen bleiben nahezu leer. Abseits der glitzernden Einkaufsmeilen bereiten Menschen ihr Lager für die Open-Air Nacht vor.

Parkbank im Winter
Parkbank im Winter

Bei Anbruch der kalten Nächte bemühen sich Einzelne wie auch kleinere Gruppen um halbwegs annehmbare Schlafplätze. Bei besonders tiefen Temperaturen mag der ein oder die andere am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen.

Krasser kann der Gegensatz in einer Industrienation wie Deutschland kaum sein. Auf der einen Seite wechseln Werte in Milliardenhöhe die Besitzer und auf der anderen Seite leben Menschen quasi unter der Brücke. Bewusst oder aus der Not heraus, wie auch immer diese Lebensumstände entstehen.

Vor über einem Jahr animierte mich das Foto eines Obdachlosen vor dem Hamburger Hauptbahnhof einige Zeilen  zu schreiben. War es im Oktober 2009 recht kalt, so wird es für Obdachlose im Winter 2010 noch härter.

Vor Jahren fuhr ich durch die Frankfurter Metropole. Tagsüber bemerkte ich an einschlägigen Ecken hier und dort Obdachlose. Junge  wie auch ältere Menschen. Keineswegs automatisch in trauter Zweisamkeit mit dem einzigen Freund “Alkohol”. Nachts konnte es durchaus geschehen über Schlafende zu stolpern. Den nächtlichen Bahnhof sollten sensible Gemüter tunlichst meiden. Zwischen hilfloser Obdachlosigkeit und Gewalt tummelt sich dort alles an vorstellbaren sowie unvorstellbaren Unsäglichkeiten. Ein Lebensbereich mit seinen eigenen Regeln, oft ausserhalb jeglicher Gesetze. Das nackte Überleben kennt nur wenige Gesetzmäßigkeiten, wenn überhaupt.

In den 1990er Jahren kam regelmäßig zu Weihnachten ein älterer Obdachloser in die Verkaufsräume. Auf seinem mit spärlichen Haaren bedeckten Kopf rutschte die abgegriffene Mütze im Rhytmus seiner leicht zittrigen Hände. Unwillkürlich kam der Gedanke auf, wie er mit seinen letzten und offensichtlich desolaten Zähnen etwas Essbares verarbeiten könne. Menschen wie er leiden teils über Jahre hinweg unter Krankheiten. Medizinische Versorgung, wie wir es gewohnt sind, dürfte dabei zu kurz geraten. Im schlimmsten Fall kommen Alkohol- und oder Drogensucht hinzu. Er bat mit kaum verständlicher Stimme um eine milde Gabe. Mit einem Einkaufsgutschein oder einer Chipkarte hätte er sicherlich nichts anfangen können. Jedes Jahr ging er mit ein paar DM wieder hinaus in die Kälte. Wohin er über die Feiertage entschwand, blieb im Dunkeln verborgen. Der Obdachlose, der aus der Kälte kam. Nein, nicht mit Richard Burton in der Hauptrolle. Irgendwann kam er nicht mehr.

Maßnahmen gegen Obdachlosigkeit gibt es immer wieder. Nach einem kurzen Einkaufsbummel im Gebrauchtshop schaute ich kurz bei der benachbarten Bildungsakademie rein. Dort versammelten sich Obdachlose, warteten auf den Kursbeginn zur Verbesserung ihrer körperlichen Hygiene. Was jedoch die Beweggründe auf der Straße zu leben betrifft, hege ich große Zweifel an dem dauerhaften Erfolg staatlich gesponserter Re-Integrations-Kurse. Da liegt vieles sehr tief verborgen, vergraben in der menschlichen Seele.

In den kommenden Tagen ist wieder einmal viel Schnee schaufeln angesagt. Hoffentlich bleibt den Schneeräumdiensten der Tag erspart, an dem ein obdachloser Mensch unter einer Schneewehe zum Vorschein kommt. Weihnachten wird oft mit Frieden und gesellschaftlicher Solidarität oder meinetwegen auch menschlichem Miteinander in Verbindung gebracht. Hinsichtlich der sozialen Befähigung unserer Gesellschaft wollen die düsteren Wolken am Himmel nicht schwinden.

Gesunde  Weihnachten ….

13.02.2019 detlev bischof

Text: Detlev Bischof
Foto: Detlev Bischof

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