Auf dem Weg nach Irgendwo

Obdachloser räumt sein Nachtlager nach einer kalten Nacht

Kalt weht der Wind um die Nase. Zwischen Konsumanzeigen, gläsernen Bushaltestellen und dem betriebsamen Hauptbahnhof Hamburg bewegt sich ein müder Mensch. Sein Schal baumelt noch unbedarft von der kühlen Nacht herunter.

Plastiktaschen, eine Isomatte und andere Dinge füllen die Bushaltestelle. Drei gut gelaunte Menschen auf dem Plakat der benachbarten Haltestelle schauen zufrieden in seine Richtung. Genießen ihr Bier, vermitteln Freude. Halb verschlafen beugt er sich, nach seinem Eigentum greifend. Viel ist es nicht, das Wenige. Reisende eilen umher. Ein Polizeiaufgebot erwartet die Fußballfans. So wie jeden Samstagmorgen. Bundesliga bewegt die Menschen. Doch er zeigt sich unberührt von alldem. Lebt in seiner eigene Welt. Ohne die heisse Tasse Kaffee am gedeckten Frühstückstisch. Keine raschelnde Zeitung, krümelnde Brötchen, klebende Marmelade. Zwischendurch reckt er sich in den morgendlichen Sonnenstrahlen. Sieht dem neuen Tag entgegen. Kostspielige Zigarettenwerbung, sein Wandschmuck des zugigen Nachtlagers.

Obdachloser räumt sein Nachtlager nach einer kalten Nacht
Obdachlos in kalten Zeiten

Geschätzte 860.000 Menschen leben in Deutschland auf der Straße. Die Zahlen schwanken. Eine Bundesstatistik gibt es nicht, abgesehen von Nordrhein-Westfalen seit den 60 er Jahren. Frauen, Männer und auch Kinder ohne dauerhafte Wohnung. Die Folgen der Wohnungslosigkeit sind weitreichend. Von gesundheitlichen Nachteilen über Diskriminierung bis hin zu roher Gewalt gegenüber Obdachlosen.

Vor Jahren tippelte ein kleinwüchsiger Mann mit seinen Supermarkt Taschen zwischen den kleinen Orten im nordrheinwestfälischen Sauerland. Im Laufe der Jahre kannte fast jeder den Tippelbruder. Braungebranntes Gesicht, stets auf dem Weg. Eines Tages verschwand er, faktisch spurlos von der Bildfläche. Gesehen haben diesen Menschen viele, wirklich gekannt hat ihn wohl niemand. In der Erinnerung läuft er heute noch, wohin auch immer.

Leise surrt die Kamera. Eine Momentaufnahme des Lebens. Mittlerweile im warmen Oberdeck des Interregio sitzend, schweifen die Gedanken zu der Haltestelle vor dem Bahnhof. Langsam nimmt der Zug seine Fahrt auf, das Ziel bekannt. Wohin der Obdachlose ziehen wird, bleibt verborgen. Weiterzíehen, so wie die Schwalben auf dem Weg nach Irgendwo …

22. Oktober 2009 detlev bischof

Text: Detlev Bischof
Foto: Detlev Bischof
Stand:13.02.2019

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