Menschliche Kälte
Eine Geschichte, wie das Leben sie nicht realistischer schreiben kann
Dienstagmorgen
„Hast Du was?“ „Nein, laß mal. Ist nicht der Rede wert.“ „Aber Du hast doch was, das sehe ich.“ „Nein, laß mich bitte in Ruhe die Zigarette drehen.“ Schweigen. Spülwasser plätschert, Sirenengeräusche dringen in die Küche. Das Frühstücksfernsehen meldet leicht gesunkene Arbeitslosenzahlen aus Nürnberg. „Möchtest Du noch einen Kaffe?“ . Draußen blinzelt die morgendliche Sonne. „Ja.“ Tabakreste krümeln über den Küchentisch. „Was sagen die auf dem Arbeitsamt?“ Platsch liegt die Butter auf dem Frühstücksbrett. „Das Übliche, was sonst und es heißt seit längerem Arbeitsagentur.“ Vorsichtig trinkt er den heißen Kaffe. „Was sind das für Anträge auf dem Wohnzimmertisch?“ Glühende Asche fällt in den Aschenbecher. „Das übliche an Papierkram. Nichts besonderes.“ Gedankenverloren dreht er die nächste Zigarette. „Freitag sind wir eingeladen, zu einer Buchlesung.“ Im Geiste zählt er sein Bares ab. „Geh Du ruhig alleine. Muß noch was bei Kalle erledigen. Hab‘ s seit Wochen versprochen“. Ihr Gesicht wirkt nachdenklich. Schon wieder Kalle. Immer Kalle. Jedesmal, wenn Freunde beide einladen, was immer seltener vorkommt. „Klappt‘ s mit dem Internet endlich?“ Sein Blick spricht Bände. „Nein, irgend etwas mit der Verkabelung.“ Sie glaubt ihm kein Wort. Ob etwas anders dahinter steckt? Seit langem ist er so verschlossen und wortkarg. „Vergiß bitte das Spülmittel nicht.“ Wortlos verläßt er die Wohnung in Richtung Supermarkt.
Freitagabend
„Willst Du wirklich nicht mitkommen? Das neue Buch soll gut sein. Wirklich gut.“ Fast schon flehend schaut sie ihn an. „Geh ruhig, meine Kleine. Und grüß mir die anderen. Vielleicht beim nächsten Mal.“ Mit einem sanften Kuß steckt er das Geld in ihre Manteltasche. „Soviel brauche ich doch gar nicht.“ Sie dreht sich an der Wohnungstür nochmals um. Er sitzt wieder am Küchentisch, dreht seine Zigarette. Wie müde er aussieht, denkt sie und geht. Kann es nicht glauben, daß er selbst Hildebrandt`s Buchlesung versäumt. Knarrend fällt hinter seiner Lebensgefährtin die schwere Tür in das Schloß. Seine Augen schimmern. Tief in Gedanken versunken an seinen Auslandsurlaub. Der Zufall brachte ihn mit Karin zusammen. Sieht ihr sanftes Lächeln, die wunderschön herabfallenden langen Haare im Spiel des warmen Sommerwindes.
In der abendlichen Winterluft radelt er los. Sein Fahrrad klappert gedämpft auf dem mit Schnee bedeckten Asphalt. Fröstelnd schlittert er durch die endlosen Straßen. Im trüben Licht der Straßenbeleuchtung fällt sein Blick auf die reichlich geschmückten Schaufensterauslagen. Weihnachten, das Fest der Freude und noch mehr der Geschenke. In seiner Erinnerung tauchen Bilder auf. Leuchtende Kinderaugen unter dem Lametta beladenen Weihnachtsbaum. Mit klammen Fingern schließt er sein Fahrrad ab. Ein Überbleibsel aus einer anderen und besseren Zeit.
„Mensch Dirk, schön Dich zusehen“, ruft Kalle und schleppt sogleich einen großen Pott Kaffe herbei. „Was bringt Dich bei dieser Wahnsinnskälte in diese Gegend? Warst schon lange nicht mehr hier.“ Karin, Dirk´ s Freundin, lag mit ihrer vagen Vermutung richtig. Dirk war nie bei Kalle gewesen, dessen Adresse sie nicht kannte und der auch kein Telefon besitzt. Kalle steht mit der Telekommunikation auf Kriegsfuß. Wer schreibt, der bleibt. Sein persönliches Motto. „Setz Dich und erzähl von Dir. Was macht die Arbeit? Bist Du immer noch in der Elektronikbranche?“ Dirk dreht seine Zigarette, nippt am Kaffe und sagt nichts. „Junge, ist Dir die Zunge eingefroren? Du siehst aus, wie durch die Mangel gedreht. Wie geht es Jutta und den Kindern?“ Langsam schwant Kalle, daß er Dirk viel zu lange nicht mehr gesehen hat. Früher war Dirk voller Tatendrang, besaß Spaß an der Arbeit und tauchte oft mit seinen Kindern auf. Sein Gegenüber sucht nach Worten, findet keine. „Du bist doch noch mit Jutta zusammen?“ Es klingelt und Kalle verschwindet für wenige Minuten im Hausflur. „Top, das war mein Ältester. Hat den Computer repariert. Guter Junge. Hat echt was drauf. Verdankt er alles seinem Ersatz Onkel Dirk. Jetzt erzähl und laß Dir nicht alles aus der Nase ziehen.“ Dirk zieht an der gestopften Zigarette. „Nein, Jutta hat sich von mir scheiden lassen. Arbeit habe ich seit langer Zeit keine mehr.“ Dirk hebt seine buschigen Augenbrauen und sieht seinen ältesten Freund besorgt an. „Nein, das glaube ich nicht. Es sah doch so gut bei euch aus. Die Familie, das Haus, die Arbeit. Wo lebst Du jetzt?“ Leise brutzelt die Kaffeemaschine weiteres Koffein. „Paar Kilometer weiter.“ Die Unterhaltung will nicht in Gang kommen. „Hast Du wenigstens eine Freundin?“ Milch plätschert in den heißen Kaffe, zwei Süßstofftabletten tauchen in der dunklen Flüssigkeit ein. „Ja, Karin, sie arbeitet Halbtags im Büro.“ Nach einer weiteren Stunde und einem Liter Kaffe weiß Kalle über die mißliche Lage seines Freundes Bescheid. „Arbeitslosengeld 2, hört sich weniger gut an. Was sagt Karin dazu? Na wenigstens hat sie noch Arbeit.“ In den Taschen kramend, versucht Dirk sich um die Antwort zu drücken. „Du hast es ihr nicht gesagt. Mensch Junge, das geht nicht gut. Du kannst es ihr auf Dauer unmöglich verschweigen.“ Bevor sich Dirk verabschiedet, mit dem Versprechen öfters vorbei zu schauen, lässt Kalle sich Anschrift und Telefonnummer geben. Dann entschwindet Dirk im dichten Schneegestöber. Der leere Blick in Dirk`s Augen gefällt ihm keineswegs. Das war nicht der Mensch den er seit der Grundschule kannte. Sinnend räumt er die Küche auf. Verflixt, ich und meine Aversion gegen Telefone. In seinem schlauen Kopf entstand ein Gedanke, den er gar nicht leiden mochte. Eilig streift er sich die dicke Winterjacke über und fährt zu seinem Ältesten. Gegen Mitternacht klingelt das Telefon bei Karin. „Ja, bitte?“, meldet sich eine sanfte Stimme. „Hier Kalle, ein Freund von Dirk. Entschuldigung für die nächtliche Störung, doch darf ich ihn kurz sprechen?“. Karin wundert sich. „Ist er denn nicht bei Ihnen?“ Jetzt wird es Kalle mulmig. „Nein, er ist vor anderthalb Stunden nach Hause geradelt. Wunderte mich schon, daß er bei diesem Wetter mit dem Fahrrad unterwegs ist. Vielleicht hat er einen Platten. Ich fahre die Strecke ab.“ Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Kalle über den Platten eher geschmunzelt. Heute war ihm keineswegs nach Scherzen zumute.
30 Minuten später
Es klingelt und Karin öffnet die Tür. „Ist Dirk eingetroffen?“ Karin steht die helle Panik im Gesicht und bittet Kalle in die spärlich beleuchtete Wohnung. „Nein, ich verstehe das alles nicht mehr. Er redet kaum noch, geht nicht mal zur Buchlesung seines Lieblingsautors.“ Kalle ist von den Socken. Einen Hildebrandt verpassen, das ist nicht Dirk`s Art. So erfährt Karin, dass Dirk nie bei Kalle war und ebenso von dem bevorstehenden Arbeitslosengeld 2. „Mein Gott“, entfährt es ihr und wird leichenblaß, „warum hat er nichts gesagt und wo ist er jetzt?“. Kalle macht den Vorschlag gemeinsam die Suche aufzunehmen. „Darf ich von hier aus telefonieren?“ Kalle informiert seine beiden Söhne und Freunde, denen er beim Treffpunkt Fotos von Dirk in die Hände drückt. Sein Ältester gibt ihm ein Handy, das er an Karin weiter reicht. „Neumodischer Kram. Damit kenne ich mich nicht aus.“ Sie suchen die ganze Gegend ab. Gegen Morgengrauen endet die Suchaktion ergebnislos. „ Ich denke, es wird Zeit die Polizei zu informieren“, sagt Kalle zu Karin und fühlt sich absolut unwohl bei dem Gedanken, daß seinem Freund etwas Schlimmes zugestoßen sein könnte. Über ihr zartes Gesicht rinnen kleine Tränen. „Teufel, ich hätte es merken müssen. So was von ruhig war Dirk noch nie. Menno, was bin ich für ein Idiot“, schimpft Kalle mit sich selbst, spürt eisige Kälte in seiner Seele aufsteigen. Hilflos und völlig aufgelöst sieht Karin ihn mit traurigen Augen an.
2 Tage später
In den Nachrichten vermeldet der Sprecher das Auffinden eines erfrorenen Mannes. Spaziergänger wurden durch ihren anschlagenden Hund aufmerksam. Unter einer grossen Schneewehe lag der Vermißte. Seine erstarrte Hand umschloß fest die Bilder seiner Kinder und Karin, seiner Freundin. Sonst nichts.
Eine frei erfundene Geschichte, die jedoch auf tragische Ereignisse der letzten zwei Jahre fußt. In der Tat haben Menschen in völliger Ratlosigkeit ihr Leben aufgeben. Selbst der Gedanke an dauerhafte Arbeitslosigkeit endete in der Realität auf traurige Weise. Gerne übersieht die Gesellschaft die Ursachen von Selbsttötung, schiebt diese auf geistige Verwirrtheit oder hüllt sich in politisches Schweigen. HARTZ IV gehört mit zu den Faktoren. Jede politisch agierende Person, welche zu den Entscheidungsträgern einer Gesetzgebung hinsichtlich der Befürwortung einer weiteren Verschärfung der Lebenssituation zur existentiellen Sicherung des Lebensunterhalts beiträgt oder sie nachhaltig fordert, ist letztlich für etwaige tragische Ereignisse, wie in unserer Geschichte, mitverantwortlich. Wirtschaftliche Interessen über das Leben von Menschen zu stellen, macht unmißverständlich den Rückfall in altertümliches Raubrittertum deutlich.
Kneifen – gibt`s nicht
Arbeitslosigkeit geht alle an!
14. Oktober 2006 Detlev Bischof
