Die Anstreicher

Es könnte die Idee aufkommen, daß die Schriftart nicht vollkommen glatt ist. Überhaupt sieht das alles ein wenig nach Raufasermuster aus. An manchen Tagen bleibt die Kreativität eben auf der Strecke. Bedauerlich – ein Beweis der menschlichen Kontinuitätslosigkeit.

Morgens schaust Du in den Spiegel und überlegst wie Du die Furchen im Gesicht glätten könntest. Erst einmal Wasser und dann greifst Du doch mal schnell zur Creme. Gestern ist es wieder etwas spät geworden. Zähne spiegeln sich nach dem Polieren beim Zahndoc. Schaum verteilt sich auf der unebenen Haut. Bartstoppeln verschwinden in der joguhrtartigen Masse. Momeng, die Haare schnell glatt gebürstet. Widerspenstig zeigen sich einige schwachgraue Haarpinsel im sidolingereinigten Spiegel. Pfff, hurtig noch ein wenig Gel ins Haar geschmiert und – superglatt. Der elegante Sturz aus der Haustür bringt Dich blitzartig bis vor die Autotür. Glatteisgeprüft nehmen Deine gewienerten Haftschalen den polierten Türgriff aufs Korn. Dein Sichtwinkel befindet sich unterhalb desselbigen. Gereinigtes Sitzleder gibt Dir wieder das Gefühl Herr der Lage zu sein. Du startest den Motor. Die Zylinder laufen rund – eben glatt. Grüne Welle und Dein hochglanz, schimmerndes Fahrzeug schwebt regelrecht über den frisch und glatt gewalzten Asphalt. Im Fahrstuhl nimmst Du die makelos gesäuberten Metalltüren war. Zwischen dem 3. und 7. Stock glättest Du schnell noch dein Innerstes und setzt dieses absolut gleichmäßige Lächeln auf. Schon stehst Du mitten zwischen eleganten Schreibtischen und luxuriösen Tischen. Topp, alles läuft wie geschmiert – eben sauber, denkst Du Dir und betrachtest den keimfreien Computer. Deine persönliche Putzfrau hat, wie gewohnt, mit sagrotanartiger Akribität alles was nicht sein darf entfernt. Selbst die Bits und Bytes auf der staubfreien Festplatte befinden sich in formatierter und virusgeschützter Bereitschaft. In gewohnter Korrektheit blätterst Du in Deiner knickfreien Wirtschaftszeitung. Steuerprüfung steht ins Haus. Du lächelst beruhigt, denkst and Deine geglätteten Zahlen und lehnst Dich in Deinem chromstahl gebürsteten Sessel zurück. 17 Uhr, der Fahrstuhl öffnet sich und alles läuft ruckelfrei rückwärts. Wochenende. Gesäubert und innerlich gereinigt gibst Du Deiner Ehefrau einen Kuss und denkst gleichzeitig an die Rosen für Deine Freundin. Der Anstrich Deiner Seele erweist sich als perfekt. Die aufmerksamen Blicke Deiner Frau gleiten daran ab wie die Fragen der Kommission am schwarzen Geldkoffer. Dienstag. Gut gekleidete Zuhörer lauschen Deiner lückenlos, konstruierten Rede. Den exakt, rechtwinklig, gefalteten Wahlzettel beförderst Du untadelig in den Schlitz der dafür vorgesehenen und korrekt BKS geschützten Wahlurne. In allen Lebenslagen bewahrst Du die gebügelte Optik. Kein Körnchen Wahres könnte je Deinen Anstrich schaden. Selbst wenn sich die Zeiten ändern – änderst Du Dich nicht. Jedoch Deinen Anstrich, den änderst Du. Ganz wie es gerade gebraucht wird. Das Leben anstreichen wie eine Tapete.

Die Anstreicher sind unterwegs

18. März 2003 Detlev Bischof

Text:
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